MEINUNGEN | Pro & Kontra
Bahn-Ausbau im Inntal – ein sinnvoller Weg?
Der Brenner-Basistunnel verlagert Gütertransporte auf die Schiene, zieht zugleich zusätzlichen Verkehr an. Im Inntal wird Protest laut.

Johann Herdina
Johann Herdina, Geschäftsführer Brenner-Eisenbahn-Gesellschaft:
Klare Voraussetzung für das Gelingen des gesamten Projekts Brenner-Basistunnel und für einen funktionierenden europäischen Transitverkehr ist, dass auch der Ausbau der Strecke im Inntal verwirklicht wird. Für den Brenner-Basistunnel werden bei uns hier bis zum Jahre 2013 rund 1,8 Milliarden Euro investiert. Vor 14 Tagen ist der Entschluss gefasst worden, mit dem Bau der Probestollen für den Brenner-Basistunnel noch heuer zu beginnen; diese kosten 430 Millionen Euro. Die EU-Kommission hat sich bereit erklärt, die Hälfte der Kosten, also 215 Millionen Euro, zu übernehmen.
Der Grund: mit dem Brenner-Basistunnel geht der Ausbau der transeuropäischen Verkehrsachse, der sogenannten TEN-Achse Nummer 1 von Berlin nach Palermo im Alpenbereich ein entscheidendes Stück voran. Deutschland hat am 28. Mai am Lerther Bahnhof zu Berlin und in den Abschnitten Nürnberg-Ingolstadt bereits weitere entscheidende Stücke in Betrieb genommen. Somit ist klar, dass die Gesamtachse immer weiter fortschreitet. Und damit ist unausweichlich mit einem erhöhten Zugaufkommen im Bereich des deutschen Inntals zu rechnen. Damit macht es unbedingt Sinn, mit den Planungsarbeiten und den Vorbereitungsarbeiten für den Ausbau auch hier zu beginnen.

Georg Dudek
Georg Dudek, Sprecher des Vereins «Inntal-Gemeinschaft»:
Ausbau der Bahn durchs Inntal heißt: Neubau einer Hochgeschwindigkeitstrasse für die Bahn neben der Autobahn und der alten Bahntrasse, die ja bleibt; heißt damit, den Transitverkehr durch das Inntal zu besiegeln, samt allen künftigen Zuwachsraten. Die Brennerroute ist für den Verkehr in das norditalienische Industriegebiet Mailand-Turin-Genua ein erheblicher Umweg. Eine parallel zur Autobahn gebaute Hochgeschwindigkeits-Bahn würde keinen Anreiz für den Umstieg von der Straße auf die Schiene bieten, da sie denselben Umweg wiederholen und damit weder Zeit noch Kosten sparen könnte. Außerdem ist Mischverkehr von Güterzügen und ICE nur bedingt möglich; dadurch wäre die Entlastung der Autobahn so gering, dass bestenfalls künftige Zuwachsraten des Straßenverkehrs gemindert werden könnten. Dass der Brenner-Basistunnel mit dem Jahr 2015 betriebsbereit sein soll, ist nur eine politische Absichtserklärung; mit der Realität hat das nichts zu tun.
Die Lösung heißt: weg von der Konzentration aufs Inntal, hin zu einer gerechten Aufteilung der Transitströme auf die kürzesten Transitwege durch die Alpen. Der weit fortgeschrittene Gotthard-Basistunnel in der Schweiz öffnet für einen Hauptteil des Nord-Süd-Verkehrs die ideale Verbindung ins Industriegebiet Norditaliens. Er gibt erstmals Anreiz, vom Autobahnumwegverkehr durch das Inntal auf die Schiene zu wechseln.
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