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NACHRICHTEN | Lokales | Berchtesgadener Land

Walter Angerer der Jüngere: Mensch mit Triebfeder
Siegsdorf - Dieser glänzend schwarze Flügel würde jeden anderen Raum dominieren. In dem Atelier von der Grundfläche einer Durchschnittswohnung bemerkt man ihn zwischen Büchern und Bildern, Farbtöpfen und Pinseln, barocken Sitzmöbeln, Werkbank und dem Grün des Gartens, das dank durchgängiger Fensterfront in den Anbau eindringt, gar nicht unmittelbar. Walter Angerer der Jüngere begrüßt den Gast in seinem Siegsdorfer Haus wie es sich für einen Künstler gehört, in farbbeklecksten Hosen. Maler und Bildhauer ist er, aber auch Komponist, Dichter, Verleger, gelernter Wirtschaftsdolmetscher und Grafiker.
Schriftsteller wollte er werden mit zwölf, schickte mit 19 ungefragt eine Kurzgeschichte ein, die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) druckte sie. Ein halbes Jahr arbeitete er als Steward auf einem Schiff. Walter Angerer ist rastlos, springt im Gespräch unvermittelt auf, will eine Skizze zeigen, sucht ein Buch, den Brief, in dem Ann-Sophie Mutter sich für den Entwurf zu einer Skulptur bedankt, spielt den selbst erfundenen Tristan-Akkord auf dem Flügel. Ein einschüchterndes Tempo, eines, bei dem viele nicht mitkommen. «Darum habe ich auch kaum Freunde» - offen, einfach eine Aussage, ohne den Unterton des Gekränkt-Seins. Selbsteinschätzung: nicht nachtragend, aber stolz. Offenheit, nochmals: «Viele hassen mich, weil ich Erfolg habe.» Angerer verkauft gut, verdient an Logos für Mineralwasser-Hersteller oder den Biathlon-Weltcup in Ruhpolding, entwirft das Design für edles Porzellan. David Copperfield beauftragte ihn mit einem Service, das der große Magier privat an seine Freunde verschenkt. Ein Ammenmärchen, dass Künstler immer arm sein müssen, findet Angerer.
«Zu geschäftstüchtig» wird ihm vorgeworfen, weil er den Kontakt mit den Medien nicht scheut. «Ich rede halt gerne», mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Die Unzahl der Bücher in seinem Atelier - alle gelesen. Als «Gehetzter, Mensch mit eingebauter Triebfeder» sieht er sich. Einer, der fortwährend nachdenkt, auch während seiner stundenlangen Spaziergänge, die er sich leisten kann, «weil ich schnell arbeite und dabei keine Fehler mehr mache». Arrogant könnten solche Worte klingen - tun sie aber nicht, nur sehr selbstsicher. Eine Selbstsicherheit, die Jahrzehnte langes Schaffen und eine Reihe herausragender Kunstpreise rechtfertigen. Aber auch selbstkritische Worte, zum Beispiel über seine Gedichte zu den Lochfraß-Bildern: «Manche sind nicht so narrisch.»1940 in Bad Reichenhall geboren, mit einem Vater aus Berchtesgaden, einer Mutter aus Salzburg und einem jugoslawischen Großvater nennt sich Angerer «eine witzige Mischung». Von dem Großvater, einem Schmied, will er die künstlerische Ader haben. Beim Studium zum Dolmetscher in Paris habe er damals «nicht ganz so gut abgeschnitten, weil ich mich ständig im Louvre rumgetrieben und alte Meister kopiert habe». Gearbeitet hat er als Dolmetscher dann auch nicht, sondern gleich noch in Rekordzeit Grafik studiert. Die erste Ausstellung mit Masken zu den Olympischen Spielen 1972 in München machte ihn über Nacht berühmt. Öffentliche Aufträge, gewonnene Wettbewerbe, guter Verkauf…
Erst mit Mitte 40 studierte Angerer Druckgrafik und Kunstgeschichte in London. In seiner Magisterarbeit befasste er sich erstmals mit Bildern, die den Fraß-Spuren von Borkenkäfern im Holz nachempfunden sind. Er pauste dieses natürliche Muster mit Papier ab, kolorierte es, nahm später einzelne Elemente heraus, verfremdete diese zu Fantasie-Figuren. Inzwischen ziehen sich die Linien der Käfer-Fraßspuren wie ein roter Faden durch Angerers Kunst: finden sich in den Schatten, die seine Skulpturen werfen, in den Landschafts-Aquarellen oder Porträts. Und wieder springt er auf, holt das Foto, auf dem Benedikt XVI. sein Papst-Porträt in der Hand hält. «Eine bessere Werbung kann sich ein Künstler nicht wünschen», sagt er. Ergänzt, dass ihn dieser Auftrag des Landrats außerdem freute, weil er ein gläubiger Mensch ist, als Kind Ministrant war. Nur Frömmelei, die mag er gar nicht.
Auch in der Trachtenkapelle war er mal, spielte als Neunjähriger im Rundfunk Zither. Später Klarinette, Gitarre und Klavier. Mit über 50 fing er an zu komponieren - klassische Musik, nicht zu modern, eher meditativ. Im eigenen Wiesenrand-Verlag - weil «Angerer» der am Wiesenrand lebende bedeutet - erschienen neben Büchern über die Kunst erste CDs. «Malen ist eine Leidenschaft, aber Komponieren ist eine Sucht», sagt er und erklärt: In einem Bild steckt viel Fleißarbeit, beim Komponieren muss er weitermachen, damit die Idee nicht verloren geht. Im Juni wird seine Komposition «die Jahreszeiten» in Traunstein uraufgeführt.
Erst am Vortag hat er sein Lieblingsbild verkauft. «Macht nichts, dann male ich halt ein neues schönes Bild», denkt Angerer immer in die Zukunft. Nur einer seiner Pläne: Reinhold Messner hat gerade für sein Museum ein Marterl bestellt, auf dem Rauschberg soll bis in zwei Monaten eine Papstsäule entstehen, vor Seebruck soll bald eine zehn Meter lange Skulptur den Schatten eines Bootes aufs Chiemsee-Wasser werfen, für die eigene Galerie in Traunstein ist eine Ausstellung mit Zeichnungen zum Thema «Folter» in den Endzügen der Vorbereitung. Rastlos, ein Mensch mit eingebauter Triebfeder. Auch mit 65 Jahren, auch als Großvater einer Enkelin.
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